Teil 1/2
Phyllostomidae oder die Neuwelt-Blattnasen
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Reich

Animalia

Stamm Chordata (Wirbeltiere)
Klasse Mammalia (Säuger)
Ordnung Chiroptera (Fledertiere)
Unterordnung Microchiroptera (Fledermäuse)
Familie Phyllostomidae (Neuwelt-Blattnasen)
Maße Kopf- und Körperlänge: von 40 - 135 mm
Unterarmlänge: 31 - 105 mm
Schwanzlänge: 0 oder 4 - 55 mm
Vorkommen südliche Teile Nordamerikas und ganz Südamerika
Schutzstatus Laut redlist.org sind vier Arten gefährdet und eine ausgestorben. Die meisten anderen anderen der 149 gelisteten Arten werden in die Kategorie "Lower Risk" eingeordnet.
Bild rechts: Drei (3!) ruhende Carollia perspicillata (S. von den Berg)

Allgemeines über Fledermäuse

Die Ordnung Chiroptera (Handflügler) ist nach den Rodentia (Nagern) die größte unter den Mammalia (Säugetieren). Fledermäuse lassen sich grob in zwei Hauptgruppen einteilen:
Ungefähr 200 der insgesamt knapp 921 Fledertiere gehören in die Unterordnung der Megachiroptera (Flughunde) mit insgesamt einer Familie, den Pteropidae. Bei den Flughunden handelt es sich um relativ große Tiere (daher der Name), die ausschließlich in der alten Welt vorkommen und sich vegetarisch ernähren. Im Gegensatz zu den Microchiroptera sind sie (mit einer Ausnahme, dem Höhlenflughund) nicht zur Echoortung befähigt, sondern verlassen sich auf ihre großen Augen. Die Ausnahme ist der Höhlenflughund (Rousettus aegyptiacus), welcher Schnalzlaute benutzt, die er mit der Zunge erzeugt und nicht im Kehlkopf, wie es bei den Microchiroptera üblich ist.
Die Microchiroptera stellen ca. 800 Arten in sechzehn Familien. Bis auf die Polregionen sind sie weltweit verbreitet und haben ein breites Nahrungsspektrum für sich erobert. Durch die Ultraschall-Echoortung können Fledermäuse auch in absoluter Dunkelheit navigieren und selbst Drähte mit mit einem Durchmesser bis zu 0,1 mm wahrnehmen.

Die Verwandtschaftsverhältnisse von Mega- und Microchiroptera sind derzeit noch immer in der Diskussion. So ist noch nicht abschließend geklärt, ob die Ordnung der Chiropteren monophyletisch oder diphyletisch entstanden ist, ob also ein gemeinsamer Vorfahre vorhanden ist oder nicht. Verfechter des diphyletischen Ansatzes um Pettigrew vertraten den Ansatz, dass die Vorfahren der Flughunde bei den Primaten zu finden ist, auch als "Flying Primate Hypothesis" bezeichnet (Pettigrew 1986 & Pettigrew 1989). Seit Beginn der neunziger Jahre häufen sich die Anzeichen, dass die Entwicklung doch monophyletisch verlaufen ist (Teeling 2006, Review in Jones et al. 2002). Einigkeit herscht darüber, dass zumindest der Ursprung der Fledermäuse wohl ein flugunfähiger insektenfressender vierbeiniger Waldbewohner war und auch über die Paraphylie innerhalb der Microchiroptera scheint ein Konsens zu bestehen (Teeling et al. 2002).
Bild rechts: Adulte Carollia perspicillata im Flug (S. von den Berg)
Die zentrale Frage, welche diese Untersuchungen interessant machen, ist, ob die Flugfähigkeit dieser Säugerordnung in der Evolution einmal bei einem gemeinsamen Vorfahren oder zweimal unabhängig voneinander für jede Unterordnung entstanden ist. Fraglich ist genauso, ob die bei allen Microchiropteren vorhandene Echoortung bei den Megachiropteren sekundär reduziert ist, aufgrund von Diphylie nur bei ersteren evolvierte (und damit unabhängig ein zweites Mal bei R. aegyptiacus) oder bei Monophylie nach der Trennung der beiden Linien entstand.
Für die Fledermäuse konnte die Ursache für die Voraussetzung des aktiven Fluges, die stark verlängerten Phalangen, auf eine einzige Punktmutation zurückgeführt werden, die dafür verantwortlich ist, dass die Finger in der Embryogenese um ein vielfaches schneller wachsen, als die übrigen Knochen des Körpers (Sears et al. 2006). In Experimenten an Carollia perspicillata konnte dies auf das "bone morphogenetic protein 2" (Bmp2) zurückgeführt werden. Die damit gefundene Erklärung für das plötzliche Auftreten der Flugfähigkeit der Feldermäuse erklärt das Fehlen von fossilen Übergangsformen, was bisher von Vertretern des Intelligent Designs als Beweis für das unveränderte Auftreten dieser Ordnung (wie aller anderen Arten auch) gewertet wurde. Das "Intelligent Design"-Konzept wird vor allem von Kreationisten in den Vereinigten Staaten vertreten und teilweise in den Schulen gelehrt. Im Herbst 2006 wurde bekannt, das auch an zwei deutschen Schulen im Biologieunterricht Intelligent Design anstelle von Darwins Evolutionslehre gelehrt wurde.
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Allgemeines über Phyllostomiden
Lange wurde darüber gestritten, wie die Familie geschrieben werden sollte: sowohl Phyllostomatidae als auch Phyllostomidae tauchten in der Literatur auf. Nach genauen Analysen der Wortstämme konnte Phyllostomidae als korrekt verifiziert werden. Namensgebend für die Familie ist das Blatt (Phyllos: gr. für Blatt) oberhalb des Mundes (Stomos: gr. für Mund), welches deutlich auf dem Bild rechts zu erkennen ist.
Die Familie der Neuwelt-Blattnasen ist eine sehr diverse Gruppe, bestehend aus 141 Arten in 49 Gattungen (Jones et al. 2002), wobei sich die Angaben je nach Literatur unterscheiden. Die Rote Liste gibt beispielsweise 149 Arten bei einer Anfrage aus (s.o.). Von diesen wird eine Art, Phyllonycteris major, als ausgestorben gelistet, wobei die Arte lediglich aus fossilen Funden von vor 1500 AD bekannt ist.
Auch an den stark divergierenden Angaben über die Verwandtschaftsbeziehungen innerhalb der Phyllostomidae wird deutlich, dass die Phyllogenie innerhalb der Gattungen noch nicht komplett verstanden ist. Momentan werden die lebenden Phyllostomoidae in sieben oder acht Unterfamilien eingeordnet.
Ihr Lebensraum beschränkt sich auf subtropische und tropische Gebiete in Mittel- und Südamerika.
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Habitus

Phyllostomiden sind sehr variabel in der Größe. Sowohl recht kleine, aber auch die größte der amerikanischen Arten, Vampyrum spectrum, gehört zu diesem Kanon. Fehlt der externe Schwanz ist die äußere Kante des Uropatagiums (Schwanzflughaut) breit eingekerbt. Dabei ist die Morphologie ebenfalls sehr vielseitig, kleine Arten sehen nicht lediglich wie verkleinerte Versionen der großen Arten aus, sondern unterscheiden sich schon allein im Aussehen des Gesichtes und der Skelettes drastisch voneinander.

Die Fellfarbe ist variabel. Bei Ectophylla alba ist die nahezu weiß, eine Reihe von Arten haben ein zweifarbiges Fell, welches an der Basis hell gefärbt ist und zu den Spitzen hin dunkler wird (z.B. Phyllostomus discolor, die daher ihren Namen hat). Einige Arten der Unterfamilie Stenodermatinae haben weiße Streifen entlang der Wirbelsäule und/oder weiße Streifen im Gesicht.
Das Gebiss ist durch die vielfältige Nahrung sehr divers (s. hier). Die meisten Arten haben 26-32 Zähne, aber auch Arten mit nur 20 (Zahnformel: (i 1/2, c 1/1, pm 2/3, m 0/0) × 2) oder mit bis zu 34 (Zahnformel: (i 2/2, c 1/1, pm 2/3, m 3/3) × 2) kommen vor. Auf dieser Skizze ist der Schädel von P. discolor dargestellt, einer typischen ominvoren Phyllostomiden.
Ein Nasenblatt ist erwartungsgemäß für gewöhnlich vorhanden, ist es doch namensgebend (s.o.). Die Männchen der Unterfamilie Phyllostomus haben einen drüsigen Kehlsack. Interessanterweise liegt das Gehirn etwas gedreht in der Schädelkapsel. Dieses Bild zeigt die Lage des Gehirns bei P. discolor anhand eines Overlays einer Skizze über einem Foto eines Schädels. Deutlich ist der nach oben geneigte und hinter der Augenkapsel liegende Bulbus olfactorius zu erkennen.
Allgemein kann gesagt werden, dass die Phyllostomiden die wohl diverseste Familie der Fledermäuse ist.
Bild rechts: Fell auf dem Rücken von P. discolor, deutlich zu erkennen ist die Farbverlauf von heller Basis zu dunkler Spitze (von den Berg 2006)
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Quellen
  • Bradbury (1977): Social Organization and Communication. In: Wimsatt (Hrsg.): Biology of Bats - Academic Press, New York, S. 1–72
  • Esser (1994): Audio-vocal learning in a non-human mammal: the lesser spearnosed bat Phyllostomus discolor - NeuroReport 5, S. 1718–20
  • Esser and Schubert (1998): Vocal dialects in the lesser spear-nosed bat Phyllostomus discolor - Naturwissenschaften, Vol. 85, S. 347-9
  • Goudy-Trainor and Freemann (2002): Call parameters and facial features in bats: a surprising failure of form following function - Acta Chiropterologica Vol. 4(1), S. 1-16
  • Grunwald, Schornich and Wiegrebe (2004): Classification of natural textures in echolocation - PNAS, Vol. 110, S. 5670-4
  • Jones and Teeling (2006): The evolution of echolocation in bats - Trends Ecol Evol Vol. 21, 149-156
  • Jones, Purvis, MacLarnon, Bininda-Emonds and Simmons (2002): A phylogenetic supertree of the bats (Mammalia: Chiroptera) - Biol Rev Camb Philos Soc Vol. 77, 223-59
  • Pettigrew (1989): Phylogenetic relations between microbats, megabats and primates (Mammalia: Chiroptera and Primates) - Philos Trans R Soc Lond B Biol Sci Vol. 325, 489-559
  • Pettigrew (1986): Flying primates? Megabats have the advanced pathway from eye to midbrain - Science Vol. 231, 1304-6
  • Sears, Behringer, Rasweiler and Niswander (2006): Development of bat flight: morphologic and molecular evolution of bat wing digits - PNAS, Vol. 103(17), 6581-6
  • Teeling, Madsen, Van den Bussche, de Jong, Stanhope and Springer (2002): Microbat paraphyly and the convergent evolution of a key innovation in Old World rhinolophoid microbats -PNAS Vol. 99, 1431-6
  • von den Berg (2006): Frequenzrepräsentation in der Hörrinde bei der Kleinen Lanzennase Phyllostomus discolor - Diplomarbeit TiHo Hannover
  • Winter, López and von Helversen (2003): Ultraviolet vision in a bat - Letters to Nature Vol. 425, 612-4
  • Wilkinson (1984): Reciprocal Food Sharing in the Vampire Bat - Nature Vol. 308, 181-4

 

Sönke von den Berg, Juli 2004
updated Oktober 2006


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Konzept und technische Umsetzung: S. von den Berg
Bilddarstellung: Lightbox 2.X by Lokesh Dhakar