Teil 1/2
Ethik allgemein oder die Moral von der Geschicht'
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Teil 1 Ethik allgemein - Teil 2: Ethikmodelle
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Themen:
Die Moral von der Geschicht' (Wilhelm Busch)
Ethik, Moral, Politik
Warum Ethik
Formen der Ethik
Gut/schlecht vs. richtig/falsch
Kausale Argumentation
Ursprung der Ethik
Ethik in der Geschichte
Ärztliche Ethik

 

Ethik, Moral und Politik
 
Häufig werden Ethik und Moral synonym verwendet, obwohl dies nicht zutrifft. Im Duden wird zwar beides mit "Sittenlehre" übersetzt, jedoch handelt es sich, streng genommen, bei der Moral um die "Verhaltensnormen einer menschlichen Gemeinschaft", die "den geltenden Sitten entsprechen" und "allgemein anerkannt sind". Unter Ethik hingegen versteht man die "Wissenschaft von der Moral", die "Diskussion über im Voraus angenommene Normen und Werte".
Erst die Gesellschaft mit anderen Menschen macht uns zu richtigen Menschen, zum zóon politicón (von zóon für Tier und polis für Stadtstaat), wie Aristoteles es formuliert. Dabei ist der Staat die höchste Form der Gemeinschaft. Der Lehre, wie der einzelne Mensch sein Leben zu führen habe (Ethik) stand die Frage, wie ein Staat zu führen sei (Politik) sehr nahe.

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Warum Ethik?
Bevor genauer auf Ethik an sich eingegangen werden soll stellt sich zunächst einmal die Frage, warum Ethik wichtig ist. Weswegen sollte man sich, im Besonderen als Wissenschaftler, über Ethik Gedanken machen?
Neben der Rechtfertigung vor sich selbst ist auch die Position des Wissenschaftlers in der Gesellschaft von Bedeutung. Hierzu sagt Blumer (1), dass die Ablehnung ethischer Überlegungen zu einer moralisierenden Haltung der Öffentlichkeit führen kann, die wiederum in undifferenzierter und kategorischer Ablehnung gegenüber zukünftigen Handlungen des Forschers münden kann.
Insbesondere bei in der Öffentlichkeit kontrovers diskutierten Themen wie dem Einsatz der Genetik (Transgene Tiere und Pflanzen) oder der Versuchstierkunde kann die Vernachlässigung einer ethischen Abwägung fatale Folgen haben, ganz abgesehen davon, dass sie teilweise gesetzlich vorgeschrieben ist (z.B. TSchG §7 Absatz 3).
Im Folgenden werden einige ethische Konzepte vorgestellt, wobei das Hauptaugenmerk auf der Ethik des Abendlandes liegt.

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Formen der Ethik

Die Ethik als wissenschaftliches Teilgebiet der Philosophie läßt sich in drei Teilbereiche differenzieren:

Dekriptive Ethik
In der deskriptiven Ethik werden die Sitten, die Gesamtheit der Normen in der Gesellschaft gesammelt und be- oder umschrieben.

Normative Ethik
Die normative Ethik widmet sich der Definition von allgemeingültigen Normen auf Grund von rationalen, uneigennützigen und überparteilichen Betrachtungen der Gesellschaft. Dabei hat sie den Anspruch, dass jeder moralisch Handelnde (Individuen, die in der Lage sind, frei aus eine Menge von Möglichkeiten eine Alternative zu wählen) unter denselben Umständen zum selben Ergebnis gelangt.

Metaethik
Überlegungen über die Ethik an sich und der ihr zugrunde liegenden Konzepte macht man sich in der Metaethik. Desweiteren werden hier die Normen begründet.


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Gut/schlecht vs. richtig/falsch

Gut ist nicht gleich richtig, schlecht ist nicht gleich falsch. Man kann eine gute Absicht haben (einer alten Frau über die Straße helfen), wobei die Tat aber falsch ist (die Frau vor einen LKW schieben). Anders herum kann man eine schlechte Tat (der Mord am Erbonkel) richtig ausführen (keiner merkt es). Gut & schlecht beziehen sich auf die Absicht des Handelnden, während richtig & falsch die Handlung an sich beschreiben.


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Kausale Argumentation

In Bezug auf die Folgen einer Argumentation lassen sich zwei verschiedene Grundeinstellungen definieren. Ein Beispiel ist die Diskussion um 9-11, der Zerstörung des World Trade Centers. Im Nachhinein wurde diskutiert, ob man in Zukunft fehlgeleitete Flugzeuge mit Gewalt abfangen dürfe.

Deontologie
Geht man deontologisch an diese Frage heran, so ist es nicht wichtig, ob eine Handlung richtig oder falsch ist. Gewisse Absichten sind per Definition schlecht und dürfen deswegen losgelöst von allen Konsequenzen nicht vollführt werden. Das Töten der Insassen des Fliegers ist eine moralisch schlechte Absicht, auch wenn damit viele der Menschen am Ziel (dem Turm) dem sicheren Tod überlassen werden.

Teleologie
Aus teleologischer Sicht ist die Handlung des Abfangens zwar noch immer falsch, die Absicht jedoch ist gut. Wenn nun die Folgen abgewägt werden, kann aus einer falschen eine richtige Handlung werden, wenn man bedenkt dass erstens die Menschen in dem Flieger durch den Aufprall sowieso schon so gut wie tot sind, das Leben der Menschen in dem Turm jedoch gerettet werden kann.

In Amerika werden künftig Flugzeuge abgeschossen, wenn ein terroristischer Akt nicht anderweitig verhindert werden kann, es wird also teleologisch argumentiert.
Ein anderes Bespiel für eine solche Überlegung ist das Gerichtsverfahren um die Folterdrohungen an den gefaßten Täter, um das Opfer möglicherweise noch zu retten (Der Fall Jakob von Metzler). Das Gericht hat den verantwortlichen Polizeichef hierbei verurteilt (deontologische Sicht), ihm jedoch die geringstmögliche Strafe gegeben. Damit wird prinzipiell gesagt, dass sein Verhalten falsch war, um für die Zukunft eine Bestrafung auf Grund dieses Präzedenzfalles nicht auszuschließen. Die Umstände des Falles werden dem Verurteilten jedoch derart angerechnet, dass das Gericht seine Handlung an sich nachvollziehen kann und, so scheint es, diese in gewissem Maße zu billigen.


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Der Ursprung der Ethik

Die Ethik geht wie so vieles auf die alten griechischen Philosophen zurück. Als der erste Philosoph, der sich vor allem ethischen Fragestellungen widmete, gilt Sokrates (470-399 v.Chr). "Der richtige Lebensweg" war sein Hauptthema. Man konnte Sokrates' Art, über Moral zu sprechen noch nicht der Philosophie zurechnen, es war eher eine angewandte Ethik, in der er über "Was-ist-Fragen" dem Wesen der Dinge näherkommen wollte. Wenn er zum Beispiel im Gespräch mit einem Bürger zu dem Ergebnis kam, dass jemand "tugendhaft" sei, so war daraufhin Sokrates' Frage "Was ist Tugend?". Damit regte er seine Mitmenschen dazu an, sich dem eigentlichen Wesen der Dinge zu widmen, in diesem Falle zu fragen, was die wahre Natur von "Tugend" ist.
Eine der ersten (wenn nicht die erste) bedeutende Schrift ist Aristoteles' "Nikomachische Ethik" (benannt nach dessen Sohn).


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Ethik im Verlaufe der Geschichte
In den Anfängen stand primär die Diskussion über die Rolle des Menschen in der Gesellschaft, sie stellte also den Menschen in das Zentrum, war anthropozentrisch. Im späteren Verlauf stellten sich zunehmend die Frage, welche Rolle das Tier, bzw. die belebte Natur einnimmt oder ob auch die unbelebte Natur in die Betrachtungen eingeschlossen werden sollten. Dabei sind grundsätzlich zwei Standpunkte zu unterscheiden (s. Bild links unten), die im nächsten Text weiter erläutert werden.

Ethische Modelle verändert nach (1)
Der Unterschied der beiden Hauptrichtungen liegt im "moralischen Status" oder dem "Eigenwert". Der Eigenwert gibt einem Ding (sei es belebt oder unbelebt) einen höheren Wert als nur den innewohnenden Sachwert. Ein alter Teddy, dem schon ein Auge fehlt und das linke Ohr zerfetzt absteht hat vielleicht einen sehr geringen Sachwert. Doch wenn es das erste Kuscheltier ist, so steigt der Eigenwert ins Unermessliche. Noch drastischer kann dies bei Tieren auftreten.
Der Eigenwert kann dabei auf verschiedenen Prinzipien beruhen.
Der Mensch nimmt eine Sonderposition ein, da er als einziger in jedem ethischen Model einen Eigenwert zugesprochen bekommt.
Sobald einem Ding ein Eigenwert "verliehen" (manche sagen: "anerkannt") wird, hat man diesem gegenüber direkte moralische Verpflichtungen. Es ist damit besonders schützenswert und darf nicht ohne besonderen Grund beeinträchtigt oder zerstört werden. Indirekte Verpflichtungen hingegen hat man gegenüber Dingen, die einen Sachwert haben (zum Beispiel auf Grund von Eigentumsrechten anderer Menschen an diesem Ding).

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Ärztliche Ethik

"Für Abtreibung bin ich nur bei meiner Freundin" - Cartoon, der manchen Gruppierungen eine Doppelmoral bei der Abtreibungsdebatte unterstellt
Einen Sonderfall der anthropozentrischen Ethik vornweg: die ärztliche Ethik. Ihren Ursprung nahm diese bei Hippokrates (*um 460 v.Chr), der den Quell eines gesunden Lebens in einem maßvollen Lebenswandel sah. Extreme Lebenswandel würden den Körper entgleisen lassen und damit das physische, aber auch das psychische Gleichgewicht stören. Seine Schüler ließ er einen Eid schwören, den Hippokratischen Eid:

"Ich schwöre bei Apollon, dem Arzt, und bei Asklepios, bei Hygieia und Panakeia und bei allen Göttern und Göttinnen, die ich zu Zeugen anrufe, dass ich nach bestem Vermögen und Urteil diesen Eid und diese Verpflichtungen erfüllen werde: Ich werde den, der mich diese Kunst lehrt, meinen Eltern gleichachten, mit ihm den Lebensunterhalt teilen und ihn, wenn er Not leidet, mit versorgen, seine Nachkommen meinen eigenen Brüdern gleichstellen und sie die Heilkunst lehren, wie sie diese erlernen wollen, ohne Entgeld und ohne Vertrag. Ratschlag und Vorlesung und alle übrige Belehrung will ich an meine eigenen Söhne und an die meines Lehrers weitergeben, sonst aber nur an solche Schüler, die nach ärztlichem Brauch durch den Vertrag gebunden und durch den Eid verpflichtet sind. Meine Verordnungen treffen zu Nutz und Frommen der Kranken nach bestem Vermögen und Urteil und von ihnen Schädigungen und Unrecht fernhalten. Ich werde niemandem, auch nicht auf seine Bitte hin, ein tödliches Gift verabreichen oder auch nur einen solchen Rat erteilen. Auch werde ich nie einer Frau ein Mittel zur Vernichtung keimenden Lebens geben. Was ich bei der Behandlung oder auch außerhalb der Behandlung im Leben der Mensche sehe oder höre, werde ich verschweigen und solches als Geheimnis betrachten."

Die Kernpunkte dieses Eides, die auch heute noch für rege Diskussion sorgen, sind Euthanasie (aktive Sterbehilfe, wo wiederum die Grenzziehung zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe durch Unterlassung nicht einfach zu ziehen sind; siehe auch den Fall Teri Shiavo) und Abtreibung (die §218-Diskussion), während die Schweigepflicht nicht zur Debatte steht, sondern als selbstverständlich gilt.


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Fortsetzung...

Die wichtigsten anthropozentrischen und physiozentrischen Ethikmodelle werden im kommenden OTW behandelt.


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Quellen
1) Tierversuche zum Wohle des Menschen? Ethische Aspekte des Tierversuchs unter besonderer Berücksichtigung transgener Tiere - Dr. K. Blumer (Herbert Utz Verlag, 1999)
2) Sofies Welt - Jostein Garder (Hanser Verlag, 1996)
3) Geschichte der Philosophie - Christian Helferlich (dtv-Verlag, 4. Auflage - Februar 2000)

 

Sönke von den Berg, März 2005


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